Mobbing vorbeugen in München

Respekt Coaches gehen in Schulen, um Demokratieverständnis zu fördern und Radikalisierung vorzubeugen. Indem sie den Schülerinnen und Schülern vermitteln: Du bist etwas wert! Ein Artikel des didacta-Magazins.

Junge Menschen gegen menschenfeindliche Ideologien stark machen ist Aufgabe der Respekt Coaches. Das Programm wird von den Jugendmigrationsdiensten zusammen mit Partnern umgesetzt.

Es ist eine junge Frau zu sehen, vollverschleiert. Daneben zwei Männer, die sich an der Hand halten und ein anderer, der offensichtlich dem orthodoxen Judentum angehört. Er trägt den typischen schwarzen Zylinderhut und Schläfenlocken. Hooligans, Gothics, Transsexuelle, Punks, Menschen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen zeigen die Bildkarten, die auf dem Boden im Klassenzimmer der 10 b der Münchner „Mittelschule in der Zielstattstraße“ ausgebreitet sind. Marta* entscheidet sich als erstes für eine Karte. Darauf ist ein Junge abgebildet, der einem Mädchen eine Ohrfeige gibt. „Jungen sind stärker, schon alleine aus diesem Grund dürfen sie keine Mädchen schlagen“, sagt sie.

Der 27-jährige Soziologe Sebastian Oschwald leitet den Workshop, an dem die 10. Klasse gerade teilnimmt. Er ist Respekt Coach. Seit letztem Schuljahr kommt er einmal monatlich in die Klasse, um mit den Schülerinnen und Schülern über Identitäten, Toleranz und Demokratie zu reden. So wie Oschwald sind derzeit über 200 Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter der Jugendmigrationsdienste in allgemeinbildenden Schulen in ganz Deutschland unterwegs. Sie sind Teil des Präventionsprogrammes „Respekt Coaches/Anti-Mobbing-Profis“ des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, das im November letzten Jahres gestartet ist. „Wenn Schüler beschimpft oder gemobbt werden, weil sie anders aussehen, einen anderen Glauben haben oder anderer Herkunft sind, dann ist es höchste Zeit zu handeln“, sagte Bundesfamilienministerin Franziska Giffey bei der Auftaktveranstaltung im November in Hannover.

Die Respekt Coaches sollen in Mobbing-Fällen eingreifen, aber arbeiten vor allem präventiv. „Es geht darum, jungen Menschen die Werte einer demokratischen und offenen Gesellschaft zu vermitteln, um sie gegen menschenfeindliche Ideologien stark zu machen“, betont die Ministerin. Die Jugendlichen sollen in der Lage sein, sich eigenständig ihre Meinung zu bilden.

Wer und wie bin ich?

Ein ganzes Schuljahr unterstützt Sebastian Oschwald die Münchner Schule mit insgesamt 340 Schülern bei der Demokratieerziehung. Identitätsarbeit sei dabei besonders wichtig: „Wir finden mit den Jugendlichen heraus, wer sie sind, wovon sie sich abgrenzen wollen, welche Themen sie beschäftigen“, erzählt er. Die Toleranz-Bildkarten, die er dafür zu Beginn der Stunde in der Mitte des Stuhlkreises platziert hat, dienen als Eisbrecher. „Das funktioniert immer, egal in welcher Klassenstufe: Die Jugendlichen suchen sich ein Bild aus, das sie emotional bewegt, interviewen dann ihren Sitznachbarn dazu. Als nächstes müssen sie die Position des anderen vorstellen, so lernen sie, andere Perspektiven einzunehmen, und zum Schluss wird in großer Runde darüber diskutiert“, erläutert der Soziologe.

Bei den Schülerinnen und Schülern der 10 b entfachte sich eine Diskussion über Geschlechterrollen und Gewalt. Darüber, ob ein Mann immer stark sein muss und was Stärke überhaupt bedeutet. „Stärke ist nicht nur körperliche Kraft, sondern auch, Transsexualität offen zu zeigen, und mit anderen Meinungen klarzukommen“, sagt Marta zu einem ihrer Mitschüler. Wichtig sei laut Oschwald, dass die Meinungen der Schüler nicht bewertet, aber hinterfragt werden. „Wenn mir Emre* erzählt, dass er sehr wütend und aggressiv wird, wenn jemand schlecht über seine Familie spricht, frage ich nach, warum er so fühlt“, erklärt Oschwald. Die Schüler sollen dadurch lernen, ihre Gefühle offenzulegen und mit ihren Emotionen und mit Provokationen von anderen gewaltfrei umzugehen.

Ego-Shooter und dicke Autos

Die Lehrkräfte sind in den Workshops Zuschauer. „Sie sollen sich bewusst zurücknehmen, dann öffnen sich die Schüler leichter“, meint Oschwald. Neben der 10. betreut der Respekt Coach noch eine 7. und eine 8. Klasse an der Münchner Mittelschule, außerdem unterstützt er die Schülermitverwaltung bei der Umsetzung von Projekten. Im März organisierten sie eine große Faschingsparty. Dabei arbeitet er eng mit Lehrerin Funda Caliskan zusammen, sie ist Ansprechpartnerin für Demokratie und Toleranz an der Schule. „2017 habe ich das Amt übernommen. Meine Aufgabe ist es, Demokratie und Teilhabe an der Schule zu verbessern, und Sebastian Oschwald hilft mir dabei“, sagt sie.

Die Themen seiner Workshops richtet der Respekt Coach ganz nach den Bedarfen der Schule aus. In der 8. Klasse veranstaltete er kürzlich einen Workshop zu Medienkompetenz, zusammen mit dem ortsansässigen Jugendzentrum, das mit ausreichend Computern ausgestattet ist. „Einerseits wollen wir mit dem Kurs die Schüler für Propagandastrategien im Netz sensibilisieren“, sagt Oschwald. Der islamische Staat nutze beispielsweise Computerspiele wie EgoShooter, um mit den Jugendlichen in Kontakt zu treten und seine Ideologien zu verbreiten.

Andererseits geht es bei dem Workshop um Selbstdarstellung im Internet. „Wir haben uns zunächst die Lieblings-Youtube-Videos der Schüler gemeinsam angesehen und herausgearbeitet, was ihnen daran so gefällt, wie sich die Youtuber darstellen – Rapper Mero beispielsweise, den ein Schüler nannte, fährt einen dicken Ferrari, trägt teure Nike-Schuhe, inszeniert sich stark, männlich und so weiter“, erzählt Oschwald. Im zweiten Schritt probierten sich die Schülerinnen und Schüler selbst vor und hinter der Kamera aus, sie drehten 20-Sekunden-Clips von jedem einzelnen. Das war für Sebastian Oschwald ein besonderer Moment. „Die ganze Klasse arbeitete als Filmteam zusammen“, sagt er und lächelt, „in der Mitte saß ein Schüler, der ganz selbstbewusst darüber spricht, wie er sein möchte, was seine Stärken sind – die anderen waren mucksmäuschenstill.“

„Ausländer sein ist nichts Schlechtes“

Rund Dreiviertel der Schülerschaft an der Mittelschule hat einen Migrationshintergrund. Was dem Respekt Coach bei seinen bisherigen Projekten auffiel, ist, dass sich viele dieser Schülerinnen und Schüler als Ausländer sehen – und für sie Ausländer zu sein etwas Negatives ist. „Ausländer gehen nicht aufs Gymnasium“, „Ausländer sind oft kriminell“: Das ist in ihren Köpfen. „Manche sprechen vier Sprachen und erkennen nicht, wie toll das eigentlich ist“, bedauert er.

Genau darum geht es den Sozialpädagogen, wenn sie als Respekt Coaches in die Klassenzimmer treten. Sie möchten mit den Jugendlichen ihre Stärken herausfinden und ihr Selbstbewusstsein aufbauen. Sebastian Oschwald ist überzeugt: „Schule ist der perfekte Raum, in dem Jugendliche viel Anerkennung erfahren können – auch jenseits von Noten“. Und das ist eine wichtige Voraussetzung, damit Radikalisierung gar nicht erst entstehen kann.

Verantwortlich für die Umsetzung des Programms Respekt Coaches sind die Jugendmigrationsdienste. Mehr zum Jugendmigrationsdienst München (IB)

Zuerst erschienen in: didacta – Das Magazin für lebenslanges Lernen, Ausgabe 2/2019, S. 8-11, www.didacta-magazin.de

Autorin: Silvia Schumacher
Bild: Servicebüro Jugendmigrationsdienste